Langsam wird's teuer... (Karikatur erstellt mit KI)
Energiewende,  Klimawandel,  Politik

Fataler Tritt auf die Bremse bei Erneuerbaren

Erneuerbare ausbremsen? Ob Bundeskanzler Friedrich Merz oder Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, beide wollen den Ausbau der erneuerbaren Energien – als Photovoltaik und Windkraft – in Deutschland verlangsamen. Doch ein verlangsamter Ausbau der erneuerbaren Energien wäre für Deutschland und Europa nicht nur klimapolitisch, sondern auch ökonomisch ein kapitaler Fehler – genau das belegen aktuelle Energiesystemstudien sehr deutlich. Wer jetzt „vom Gas geht“, verteuert Energie, verlängert die Abhängigkeit von Öl und Gas und gefährdet den Wirtschaftsstandort Deutschland.​

Warum Tempo bei Erneuerbaren tatsächlich Geld spart

  • Eine neue europäische Energiesystemstudie von WindEurope und Hitachi Energy zeigt: Ein gebremster Übergang („Slow Transition“) kostet Europa bis 2050 rund 1,637 Billionen Euro mehr als ein ambitionierter Ausbau von Wind- und Solarenergie („Renewables+“).​ Download der Studie
  • Eingerechnet sind alle Systemkosten: Erzeugung, Netze, Speicher, Wasserstoffinfrastruktur, fossile Importe, Industrie- und Wärmewende sowie Betriebskosten über Jahrzehnte.
  • Haupttreiber der Mehrkosten sind verlängerte fossile Importe: Im zügigen Erneuerbaren-Szenario sinkt die Importquote bis 2050 auf etwa 22 Prozent, im Slow-Transition-Pfad bleibt sie bei rund 54 Prozent.

Kurs von Merz und Reiche: Politischer Denkfehler

  • Bundeskanzler Merz kündigte im Herbst an, Deutschland könne beim Ausbau von Wind und Solar künftig „etwas weniger“ tun – verbunden mit der Hoffnung auf sinkende Kosten.​
  • Energieministerin Katherina Reiche flankiert dies mit dem Narrativ, der Ausbau müsse „kosteneffizienter“ und „systemdienlicher“ werden – gleichzeitig stellt sie weniger Förderung und eine Abschwächung der Ausbauziele in Aussicht.
  • Die europäische Studie dreht diese Logik um: Kostendisziplin entsteht nicht durch Bremsen, sondern durch Beschleunigung – Verzögerung ist laut Modellierung der teuerste aller Wege.​

Kurzfristige versus langfristige Kosten

  • Reiche und Merz verweisen gern auf aktuelle Kosten wie Redispatch und Netzengpässe: 2024 summierten sich Redispatch-Kosten laut Bundesnetzagentur auf rund 1,5 Milliarden Euro.
  • Im Maßstab der Gesamtsystemkosten bis 2050 ist das Kleingeld: Die Verzögerung des Ausbaus verursacht ein Vielfaches dieser Summe – allein die 1,6 Billionen Euro Mehrkosten der Slow-Transition-Variante sprechen für sich.​
  • Besonders wichtig: Wenn Fördermittel wie feste Einspeisevergütungen für neue Dach-PV gestrichen werden, steigen Finanzierungskosten und damit die Kosten des gesamten Systems, weil Projekte riskanter werden.

Versorgungssicherheit: Erzählung versus Fakten

  • Die Bundesregierung argumentiert, man brauche wegen der Wetterabhängigkeit der Erneuerbaren vor allem „steuerbare“ Gaskraftwerke – daher könne man den Ausbau der Erneuerbaren etwas drosseln.​
  • Die Modellierungen zeigen aber: Selbst im ambitionierten Renewables+-Szenario bleibt 2050 ein deutlicher Puffer an gesicherter Leistung, die gesicherte Kapazität liegt etwa ein Drittel über der minimalen Last.
  • Paradox: Im gebremsten Slow-Transition-Pfad steigt der Bedarf an Reservekapazitäten sogar stärker – fossile Kraftwerke sind weniger flexibel und die Importabhängigkeit bleibt hoch.

Sträflich unterschätzter Strombedarf und Elektrifizierung

  • Reiche begründet die verlangsamte Dynamik mit einem angeblich geringeren Strombedarf: statt 700 nur etwa 600 Terawattstunden bis 2030.
  • Analysen der EU-Kommission, von Agora Energiewende und Aurora Energy Research zeigen dagegen: Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie ist der zentrale Kostensenker – je mehr sauberer Strom, desto niedriger die langfristigen Preise.​
  • Ein vorübergehend niedrigerer Verbrauch ist daher kein Argument gegen den Ausbau, sondern ein Warnsignal, dass Wärmepumpen, E‑Autos und Prozesswärme zu langsam kommen – mit später umso höheren Kosten.​

Versteckte Bremse: Fördereinschnitte statt offener Stopp

  • Die geplante Abschaffung der Einspeisevergütung für neue PV-Dachanlagen trifft besonders Haushalte, die auf Kredite angewiesen sind, und erhöht das Investitionsrisiko deutlich.
  • Branchenverbände wie SolarPower Europe sehen bereits jetzt: Wo Förderkürzungen angekündigt werden, gehen Projekteinreichungen zurück, Investitionen werden verschoben und Jobs geraten unter Druck.
  • So entsteht ein „verdeckter“ Ausbaustopp: Formal bleiben Ziele bestehen, faktisch bricht der Ausbau ein – mit langfristig höheren Strompreisen und schlechteren Standortbedingungen.​

Klimaziele, Strafzahlungen und Haushaltsrisiken

  • Studien von Agora Energiewende haben bereits 2018 gezeigt: Wenn Deutschland seine EU‑Klimaziele verfehlt, können bis 2030 30 bis 60 Milliarden Euro an Kosten für den Zukauf von Emissionsrechten entstehen.​
  • Neuere Analysen gehen von bis zu 13 bis 34 Milliarden Euro zusätzlichen Kosten bis 2030 aus, wenn die Ziele im Nicht‑ETS‑Bereich verfehlt werden – Geld, das besser in echten Klimaschutz investiert wäre.​
  • Jeder gebremste Ausbau der Erneuerbaren vergrößert diese Lücke und macht Klimapolitik für den Staatshaushalt zur tickenden Kostenbombe.​

Was ein seriöser Kurs bei den Erneuerbaren jetzt bräuchte

  • Klare Priorität für Wind und Solar: Beschleunigte Flächenbereitstellung, schnellere Genehmigungen, stabile Förderbedingungen und planbare Ausschreibungen.​
  • Netze, Speicher, Flexibilität als Ergänzung – nicht als Vorwand, den Ausbau zu drosseln: Gaskraftwerke gehören ins Back‑up, nicht ins Zentrum der Strategie.​
  • Ein ehrlicher Umgang mit Kosten: Nicht Redispatch-Milliarden skandalisieren und zugleich Billionen an Mehrkosten durch Verzögerung ignorieren, sondern das Gesamtsystem bis 2050 betrachten.​

Wer heute den Ausbau der erneuerbaren Energien verlangsamt, entscheidet sich aktiv für höhere Kosten, größere Abhängigkeit und höhere Risiken – und gegen einen zukunftsfähigen, wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort Deutschland.

​Fazit

Der aktuelle Kurs der Bundesregierung ist in doppelter Hinsicht unverantwortlich: Er verzögert den Klimaschutz – und macht Energie für alle dauerhaft teurer. Während Merz und Reiche den Ausbau von Wind und Solar ausbremsen und Gas als „Brückentechnologie“ aufwerten, zeigen alle seriösen Energiesystemstudien, dass genau dieses Zögern der teuerste Weg ist: Ein langsamer Übergang kann Europa bis 2050 rund 1,6 Billionen Euro mehr kosten als ein ambitionierter Ausbau der Erneuerbaren, vor allem durch längere Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten.

Die politische Rechnung mag heute in Haushaltsreden und Talkshows geschönt wirken – am Ende landet sie dennoch bei den Bürgerinnen und Bürgern: über höhere Energiepreise, über CO₂-Kosten, über Milliarden für den Zukauf von Emissionsrechten, wenn Deutschland seine Klimaziele verfehlt. Schon jetzt warnen Analysen davor, dass unterlassener Klimaschutz allein im Nicht‑ETS‑Bereich bis 2030 30 bis 60 Milliarden Euro an zusätzlichen Belastungen für den Bundeshaushalt verursachen kann – Geld, das dann für Bildung, Soziales oder Infrastruktur fehlt.

Wer heute den Erneuerbaren-Ausbau bremst, entscheidet sich bewusst dafür, diese wachsende Zeche nach unten durchzureichen: an Mieter in schlecht sanierten Häusern, an Pendler, an kleine Unternehmen, an kommende Generationen. Der Kurs der Bundesregierung ist damit nicht nur energiepolitisch rückwärtsgewandt, sondern auch sozialpolitisch zynisch – er schützt kurzfristig fossile Geschäftsmodelle und verschiebt die wahren Kosten der Verzögerung in die Zukunft und auf diejenigen, die sich am wenigsten dagegen wehren können.

​Quellen

  1. https://zittauer-zeitung.de/2025/12/19/%F0%9F%93%8A-studie-verzoegerter-ausbau-verteuert-europas-energiesystem-druck-auf-merz-energie-kurs-waechst/
  2. https://www.windindustrie-in-deutschland.de/meldungen/studie-geplanter-erneuerbaren-ausbau-senkt-strompreise-deutlich
  3. https://www.photon.info/news/bundeskanzler-merz-spricht-sich-fuer-langsameren-ausbau-der-erneuerbaren-energien-aus/
  4. https://www.heise.de/news/Forscher-kritisieren-gebremsten-Ausbau-von-Erneuerbaren-Energien-11084102.html
  5. https://www.zfk.de/energie/strom/energiewende-erneuerbare-kosten-studie-reiche-wind-europa
  6. https://www.agora-energiewende.de/aktuelles/investieren-statt-kompensieren-wie-deutschland-seine-eu-klimaziele-effizient-erreichen-kann
  7. https://www.agora-energiewende.de/publikationen/klimaneutrales-deutschland-2045-1
  8. https://www.agora-energiewende.de/publikationen/die-kosten-von-unterlassenem-klimaschutz-fuer-den-bundeshaushalt
  9. https://www.diw.de/de/diw_01.c.987907.de/publikationen/wochenberichte/2025_47_2/gute_voraussetzungen_zur_beschleunigung_der_energiewende_jetzt_nutzen.html
  10. https://www.agora-energiewende.de/publikationen/die-energiewende-in-deutschland-stand-der-dinge-2024
  11. https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1121452
  12. https://www.facebook.com/cleanthinking/posts/absurder-merz-plan-entlarvt-die-teuerste-energiepolitik-europaseine-neue-europ%C3%A4i/1444662344328550/
  13. https://de.linkedin.com/posts/josef-bayer-77a558104_absurder-merz-plan-blo%C3%9Fgestellt-studie-belegt-activity-7407347884133658624-ppOM
  14. https://www.dihk.de/de/newsroom/aktuelle-energiewende-politik-kostet-bis-zu-5-4-billionen-euro-141284
  15. https://www.bee-ev.de/service/publikationen-medien/beitrag/bewertung-der-dihk-studie-neue-wege-fuer-die-energiewende-plan-b-von-frontier-economics
  16. https://www.deutschlandfunk.de/agora-energiewende-kritisiert-milliardenluecke-beim-klimaschutz-108.html
  17. https://www.facebook.com/cleanthinking/photos/absurder-merz-plan-entlarvt-die-teuerste-energiepolitik-europaseine-neue-europ%C3%A4i/1444662320995219/
  18. https://www.reddit.com/r/Energiewirtschaft/comments/1pqgapy/studie_belegt_teuren_denkfehler_bei_erneuerbaren/
  19. https://www.frontier-economics.com/media/u1vbsfop/frontier-dihk-energiewende-plan-b-03092025-stc-update-stc.pdf
  20. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/emissionen-treibhausgas-ausstoss-deutschland-100.html