Energiewende,  Politik

Photovoltaik: Zeit, die stillen Reserven zu heben

Dass die Photovoltaik die wohl günstigste, schnellste und einfachste Möglichkeit ist, Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, wird niemand bestreiten wollen. Günstig ist sie nicht nur beim Bau der Anlage, sondern auch im Betrieb. Keine Kilowattstunde ist günstiger als die aus PV und Wind. In diesem Artikel beschränke ich mich jedoch auf die Photovoltaik. Am Beispiel meiner Heimatstadt Oppenheim möchte ich auf das Potenzial hinweisen, das wir bislang ungenutzt lassen.

Fundgrube Solarkataster

Mit dem Solarkataster des Landes Rheinland-Pfalz kannst du das Potenzial von Dachflächen sehr schnell und einfach ermitteln. Du zoomst in die Karte hinein, klickst das Gebäude an und siehst, was auf diesem Dach machbar ist. Ich nehme dazu einfach mal mein eigenes Haus als Beispiel.

Laut dem Solarkataster sind auf meiner nach Süden ausgerichteten Dachfläche 5 Kilowatt Peak (kWp) realisierbar. Tatsächlich habe ich seit letztem Juli mit den zwölf Photovoltaik-Modulen auf der Südseite eine Leistung von 5,3 kWp erreicht. Damit lade ich auch mein E-Auto und in Kürze kommt eine Wärmepumpe dazu.

Wir lassen zu viel PV-Flächen ungenutzt

Die Überschrift lautet jedoch, dass es Zeit ist, die stillen Reserven zu heben. Um das zu verdeutlichen, habe ich drei große Gebäudekomplexe in Oppenheim herausgesucht und sie mit dem Solarkataster begutachtet. Konkret handelt es sich dabei um das Gymnasium in Oppenheim, die beiden Schulen IGS und Landskronschule sowie den Kaufland-Komplex mit Kaufland als Ankermieter und den weiteren Geschäften.

Wenn man alle diese Gebäude mit PV-Modulen belegt und die nutzbare Dachfläche somit voll ausnutzt – das Solarkataster kennt die Dachflächen samt ihrer Aufbauten recht genau und stellt diese entsprechend dar – dann kann man mit diesen drei Gebäuden allein eine PV-Leistung von 2,9 Megawatt realisieren. Das entspricht einem potenziellen Jahresertrag von 2,61 Millionen Kilowattstunden.

Schaut man sich die Dächer mithilfe der Luftaufnahmen von Google Maps an, kann man erkennen, ob und wie diese bereits mit PV-Anlagen belegt sind. Die drei Schulen, also das Gymnasium, die IGS und die Landskronschule, sind tatsächlich teilweise mit großzügigen PV-Anlagen ausgestattet. Das bedeutet, dass das Energiepotenzial auf diesen Dächern bereits gut genutzt wird und nicht ungenutzt bleibt.

Doch das riesige Gebäude des Kaufland-Komplexes ist in puncto Photovoltaik nackt. Laut dem Solarkataster des Landes Rheinland-Pfalz taugt diese Dachfläche mit ihren über 4.000 Quadratmetern allein für eine maximale Leistung von 1.083 kWp. Damit wäre ein Stromertrag von 983.609 Kilowattstunden pro Jahr potenziell zu erzielen. Und das nur mit diesem einen Gebäudekomplex. Das würde sich für den Betreiber auch wirtschaftlich lohnen, da sich damit mindestens ein Teil des Energiebedarfs des Gebäudes – Kühltheken, Beleuchtung, Heizung – decken ließe.

Wenn man die riesige Parkplatzfläche vor diesem Gebäudekomplex mit Photovoltaik-Carports überbauen würde, ließe sich der Ertrag nochmals massiv steigern. Die Finanzierung des Baus dieser Photovoltaik-Carports könnte durch die Installation eines entsprechend großen Ladeparks mit Schnellladern für E-Autos auf dem Gelände und die direkte Vermarktung eines Teils des PV-Stroms erfolgen.

Mit KI habe ich das Kaufland-Areal mal „voll belegt“ mit PV-Modulen. Nützlicher Nebeneffekt: Autos könnten dann auch im Schatten parken.

So wie in Oppenheim gibt es auch in vielen anderen Gemeinden und Städte brachliegende Dachflächen, die man über Photovoltaik schnell, einfach und günstig zur Energiegewinnung erschließen könnte. Gebäude in öffentlicher Trägerschaft sind heute oft schon entsprechend belegt oder wären leicht mit Photovoltaik nachzurüsten. Gebäude in privater Trägerschaft könnte man zur Not mit entsprechenden Bauverordnungen und Auflagen erschließen. Sprich, die Baugenehmigung gibt es nur mit entsprechender Photovoltaik auf dem Dach. Zum Glück ist die Entscheidung zu Gunsten von Photovoltaik heute auch für viele kommerzielle Bauherren sehr leicht. Es rechnet sich.

Ein Leuchtturm-Projekt „made in Rheinhessen“

Ein echtes Musterbeispiel für ein modernes Gebäudeenergiekonzept liefert die Verbandsgemeinde Rhein-Selz, zu der Oppenheim gehört. Und zwar in Gestalt des neuen Hallenbades der VG Rhein-Selz, das sich derzeit im Bau befindet. Was hier entsteht, ist ein echtes Leuchtturmprojekt: Das Gebäude wird ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben, von Photovoltaik über Wärmepumpe bis hin zur PV-Überschussspeicherung über Wasserstoff – und wird im Jahresdurchschnitt mehr Energie erzeugen, als es selbst verbraucht. Die Energiedienstleistungsgesellschaft Rheinhessen-Nahe GmbH ist für die Planung, den Bau und den Betrieb der gesamten Energietechnik verantwortlich. Die gesamte Energietechnik wird von der Energiedienstleistungsgesellschaft Rheinhessen-Nahe GmbH geplant, gebaut und betrieben.

Diese schematische Darstellung zeigt das Energiekonzept für das neue Hallenbad. (Visualisierung zur Verfügung gestellt von den 4a Architekten Stuttgart)

Das neue Hallenbad der Verbandsgemeinde Rhein-Selz verbindet moderne Nutzungsmöglichkeiten mit einem zukunftsorientierten Energiekonzept. Es zeigt, wie kommunale Infrastrukturprojekte nachhaltiger gestaltet werden können. Damit setzt die Verbandsgemeinde Rhein-Selz ein Zeichen für umweltfreundliche Bauweisen und innovative Energielösungen.

Wir können es längst! Wenn wir wollen!

An diesen Beispielen aus meiner Heimatstadt wird einerseits deutlich, dass wir immer noch einiges an Potenzial ungenutzt brachliegen lassen – siehe der Kaufland-Komplex. Andererseits sehen wir, dass vorhandene Flächen bereits energetisch aktiviert werden, wie die PV-Anlagen auf den Schulen zeigen. Und wir sehen am Leuchtturmprojekt „Hallenbad” der Verbandsgemeinde Rhein-Selz, welche unglaublichen Möglichkeiten bereits heute genutzt werden können. Das gelingt ganz einfach, indem man es will und sich mit Sinn und Verstand sowie entsprechenden Experten an die Konzeption und Planung neuer großer Funktionsgebäude begibt.

Man sieht: Was die Bundespolitik nicht auf die Reihe bekommt – beispielsweise, weil eine Wirtschaftsministerin wie Katherina Reiche mit ihrer lobbygetriebenen Politik es gar nicht erst will –, das kriegen wir regional hin! Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fabuliert zwischen seinen Foodblogger-Posts auf Instagram vom hocheffizienten Verbrennen und der Renaissance der Kernkraft, die er sich mit dem massenhaften Bau sogenannter Small Modular Reactors (SMR) vorstellt. Währenddessen wird regional an der Zukunft gebaut, wie das Projekt „Hallenbad” der Verbandsgemeinde Rhein-Selz zeigt.

Die Bundespolitik redet unter dem Schlagwort der „Technologieoffenheit” von Gas, „hocheffizienten Verbrennern” oder Utopien wie der Rückkehr zur Kernkraft. Währenddessen arbeitet die Regionalpolitik an der Zukunft. Nicht nur in Oppenheim, es lassen sich weitere Beispiele finden. Beispielsweise der Bürgerwindpark im hessischen Hünfelden, der kommunale Wertschöpfung durch Bürgerbeteiligung ermöglicht. Ein Teil der Erträge geht an Bürgerinnen und Bürger sowie an die Gemeinde. Oder „Floating PV“ im hessischen Riedstadt-Crumstadt. Eine schwimmende Photovoltaikanlage auf einem Baggersee, die Strom für den lokalen Verbrauch produziert. Weitere Erfolgsgeschichten aus Rheinland-Pfalz und Hessen hier:

RegionProjekt / SammlungKurzbeschreibungLink
Rheinland-PfalzIHK-Energieatlas Rheinland-PfalzKarte mit Leuchtturmprojekten, Infrastruktur- und Dekarbonisierungsvorhaben; gut zum Stöbern nach kommunalen und unternehmerischen Beispielen ihk-rlp.https://www.ihk-rlp.de/themen/umwelt-und-energie/der-rheinland-pfaelzische-ihk-energieatlas-6845560
Rheinland-PfalzLeuchttürme der Energiewende in Rheinland-PfalzSammlung von Vorzeigeprojekten mit Fokus auf regionale Wertschöpfung und konkrete Umsetzungsbeispiele lee-rlp-sl+1.https://www.lee-rlp-sl.de/perspektivpapier-2025
Rheinland-PfalzFlächenportal Erneuerbare Energien RLPPlanungs- und Potenzialportal, besonders hilfreich für den Kontext von Windenergie und Flächenkulisse rauminfo-fpee.https://rauminfo-fpee.de
Rheinland-PfalzEnStadt:Pfaff, KaiserslauternLeuchtturmprojekt für ein klimaneutrales Quartier mit Strom, Wärme, Kälte, Speicher und Sektorkopplung umwelt-campus.https://www.umwelt-campus.de/forschung/projekte/projekt-des-monats/einzelansicht/leuchtturmprojekt-enstadtpfaff
HessenHessische Energiewende-ErfolgsgeschichtenInteraktive Kartenübersicht mit realisierten Projekten aus Erneuerbaren, Wärmenetzen und Energiespeicherung lea-hessen.https://www.lea-hessen.de/energiewende-in-hessen/uebersicht/
HessenErfolgsgeschichten der LEA HessenSammlung von kommunalen und technischen Best-Practice-Beispielen mit Ansprechpartnern lea-hessen.https://www.lea-hessen.de/energiewende-in-hessen/erfolgsgeschichten/
HessenBad Nauheim SüdBeispiel für kalte Nahwärme mit großem Erdwärmekollektor lea-hessen.https://www.lea-hessen.de/energiewende-in-hessen/erfolgsgeschichten/
HessenRiedstadt-Crumstadt Floating-PVSchwimmende Photovoltaik auf einem Baggersee mit lokaler Stromnutzung lea-hessen.https://www.lea-hessen.de/energiewende-in-hessen/erfolgsgeschichten/
HessenHünfelden BürgerwindparkProjekt mit kommunaler und bürgerschaftlicher Wertschöpfung lea-hessen.https://www.lea-hessen.de/energiewende-in-hessen/erfolgsgeschichten/

Auch die Industrie kann, wenn sie gefragt wird…

Das deutsche MAN-Werk in Augsburg liefert eine Megawärmepumpe nach Dänemark. Die Anlage versorgt mittlerweile mit Esbjerg und Varde gleich zwei Städte und bezieht die Wärme aus Meerwasser.

Die deutsche Industrie liefert aber auch Hightech im Bereich der erneuerbaren Energien im großen Stil, wenn sie gefragt ist. Derzeit wird sie jedoch eher aus dem Ausland gefragt, wie das Beispiel im dänischen Esbjerg zeigt. Dort sorgt eine Mega-Wärmepumpe von MAN aus Augsburg dafür, dass mit Meerwasser als Primärquelle jährlich rund 280.000 MWh klimaneutrale Wärme in die Fernwärmenetze von Esbjerg und der Nachbarstadt Varde geliefert werden.

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