Reiche treibt Deutschland in die Gas-Falle 2.0
Wie Katherina Reiches Kraftwerksstrategie uns in die nächste Abhängigkeit treibt
Es ist Anfang 2026, und man könnte meinen, die Politik hätte aus der Energiekrise der letzten Jahre gelernt. Doch weit gefehlt. Das nun bekannt gewordene „Non-Paper Kraftwerksstrategie 2031“ aus dem Haus von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein fatalers fossiles „Weiter-so“, das uns sehenden Auges in die nächste Erpressbarkeit führt.
Ein „Ad-hoc-Markt“ für fossile Luftschlösser
Das Dokument skizziert einen massiven Kapazitätsmarkt, der bis 2031 eine gesicherte Leistung von rund 41 GW bereitstellen soll. Was technisch klingt, ist politischer Sprengstoff:
- Bereits 2026 sollen in einer ersten Tranche (T-5) 12 GW ausgeschrieben werden.
- Diese Ausschreibungen sind zwar theoretisch „technologieneutral“, zielen aber de facto auf neue, Gaskraftwerke ab.+1
- Besonders brisant: Moderne, saubere Lösungen wie das Lastmanagement (Demand Side Response) sind von diesen ersten wichtigen Auktionen explizit ausgeschlossen.
Anstatt die Flexibilität des Netzes durch intelligente Steuerung zu fördern, zementiert Reiche den Bau neuer Großkraftwerke. Und damit auch die langfristige Abhängigkeit von Gaslieferungen aus anderen Ländern, denn selbst wenn das unsägliche Gas-Bohrprojekt vor Borkum von der Regierung tatsächlich durchgezwungen wird, kann das nur einen Bruchteil der nötigen Gasmegnen liefern.
Der 15-Jahre-Lock-in: Klimaschutz auf der langen Bank
Das Non-Paper enthüllt eine gefährliche Zeitverzögerung beim Klimaschutz. Die erfolgreichen Bieter erhalten Verträge mit einer Laufzeit von 15 Jahren. Eine echte Verpflichtung zur Dekarbonisierung – also der Umstieg von Erdgas auf grünen Wasserstoff – wird jedoch erst für das Jahr 2045 festgeschrieben.+1
Das bedeutet: Wir bauen heute Infrastruktur, die über Jahrzehnte fossiles Gas verbrennen kann, während die Zeche für diesen „Kapazitätsmarkt“ ab 2031 über eine neue Umlage von den Verbrauchern gezahlt werden soll. Die DUH spricht hier völlig zurecht von einer „fossilen Rollback-Strategie“, die den Ausstieg aus Erdgas unnötig hinauszögert.
Was ist dieser „Kapazitätsmarkt“ überhaupt?
Ein Kapazitätsmarkt ist ein Fördersystem im Stromsektor, bei dem Kraftwerksbetreiber nicht nur für den tatsächlich produzierten Strom (Arbeitspreis) bezahlt werden, sondern bereits für das bloße Bereitstehen ihrer Anlagen (Leistungspreis). Er fungiert als eine Art „Versicherung“ für die Versorgungssicherheit, um sicherzustellen, dass auch dann genügend Strom vorhanden ist, wenn Wind- und Solaranlagen wetterbedingt wenig liefern.+2
Das vorliegende Non-Paper konkretisiert diesen Mechanismus für Deutschland wie folgt:
- Zweck & Volumen: Deutschland führt einen „Ad-hoc-Kapazitätsmarkt“ für das Jahr 2031 ein. Das gesamte Beschaffungsvolumen liegt bei ca. 41 GW an gesicherter (derated) Leistung.+3
- Ausschreibungen (Tenders): Die Kapazitäten werden über Auktionen vergeben, die 5 Jahre (T-5), 4 Jahre (T-4) oder 2 Jahre (T-2) vor dem Liefertermin stattfinden.+1
- Technologiewahl: Während das Dokument behauptet, die Ausschreibungen seien „technologieneutral“, werden für die erste große Tranche (T-5) im Jahr 2026 spezifische Anforderungen wie eine 10-Stunden-Dauerleistung gestellt, die faktisch auf neue Gaskraftwerke zugeschnitten sind.+2
- Ausschluss von Alternativen: Kritisch ist, dass in den ersten T-5-Ausschreibungen das Lastmanagement (Demand Side Response), also das gezielte Herunterfahren von industriellem Verbrauch, explizit ausgeschlossen wird.
- Finanzierung: Die Kosten für diesen Markt sollen ab 2031 über eine Umlage (Levy) finanziert werden, die letztlich die Stromverbraucher und damit die Bürgerinnen und Bürger belastet.
Im Kern bedeutet das laut Non-Paper: Der Staat garantiert Betreibern von (überwiegend) Gaskraftwerken feste Zahlungen für 15 Jahre, nur damit diese für den Notfall bereitstehen. Nach 2031 soll dieses „Ad-hoc“-Modell in einen dauerhaften, umfassenden Kapazitätsmarkt übergehen.+1
Ein etwas platter Vergleich: Das ist so ähnlich, als würde ein Arbeitnehmer ins Büro fahren, sich dort auf den Stuhl setzen, aber nichts arbeiten. Er würde dafür bezahlt, dass er theoretisch arbeiten könnte, sollte das vielleicht nötig sein. Sprich ob er etwas arbeitet oder nicht, er wird bezahlt.
Von Moskau nach Washington: Die neue Erpressbarkeit
Der wohl kritischste Punkt ist die geopolitische Blindheit unserer aktuellen Regierung bei dieser Strategie. Wir haben mühsam die Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas reduziert, nur um uns jetzt in die Arme von US-amerikanischem LNG (Flüssigerdgas) zu werfen.
In einer Zeit, in der Donald Trump das Weiße Haus mit einer „America First“-Agenda und massiven Zollandrohungen gegen Europa führt, weil er die EU nicht als Partner sondern eher als „Untertanen“ sieht, ist diese Einseitigkeit brandgefährlich.
- Energie als Waffe: Wenn Deutschland seine Stromversorgung massiv auf neue Gaskraftwerke stützt, wird US-Gas zum perfekten Hebel für politische Erpressung.
- Zoll-Schachmatt: Trump könnte den Export von LNG jederzeit an Bedingungen knüpfen oder durch Abgaben so verteuern, dass die deutsche Industrie wettbewerbsunfähig wird.
- Die Illusion der Sicherheit: Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit – egal ob das Gas aus dem Osten oder über den Atlantik kommt.
Fazit: Ein fataler und teurer Rückschritt
Das Non-Paper zeigt eine rückwärtsgewandte Politik, die den Weg des geringsten Widerstands geht, anstatt mutig auf echte Erneuerbare und Speicher und eine wirkliche Diversifizierung der Stromversorgung zu setzen. Dass die Bundesregierung plant, die öffentliche Konsultation für dieses Milliardenprojekt einfach mit alten Verfahren abzuspeisen, setzt der Intransparenz die Krone auf.
Katherina Reiche spielt ein riskantes Spiel: Sie wettet auf die Verfügbarkeit und damit eine Abhängigkeit von billigem Gas in einer Welt, die zunehmend von Handelskrigen und geopolitischem Egoismus geprägt ist. Wir brauchen keine neue Gas-Infrastruktur, die uns für 15 Jahre an unzuverlässige Partner bindet, sondern eine echte Energiewende, die uns unabhängig macht.
Es ist unübersehbar, dass hier die Handschrift der Gas-Lobby die Feder geführt hat, um fossile Geschäftsmodelle durch den gezielten Ausschluss moderner Alternativen wie dem Lastmanagement abzusichern. Reiches Politik erweist sich damit nicht als Vorsorge für die Bürger, sondern als milliardenschweres Abschiedsgeschenk an eine sterbende Industrie einerseits auf Kosten der Klimaziele und der Versorgungssicherheit und andererseits zu Lasten der Bürgerinnen und Bürger.+2
Primärquellen & Dokumente
- Regierungsinternes Dokument (Non-Paper): Power Plant Strategy 2031 (DRAFT) Datiert auf den 31.12.2025. Enthält die technischen Details zum Ad-hoc-Kapazitätsmarkt, den Ausschreibungsvolumina von insgesamt 41 GW und den Laufzeiten der Verträge.
- Pressemitteilung der Deutschen Umwelthilfe (DUH): Regierungsinternes „Non-Paper“ zu Reiches Gas-Einigung: Wirtschaftsministerin plant Ausschreibungen für insgesamt 41 Gigawatt ohne Klimavorgaben Veröffentlicht am 16.01.2026. Bietet die ökologische Einordnung und Kritik am „fossilen Rollback“ sowie Informationen zur geplanten Umlagefinanzierung.
Ergänzende Berichterstattung & Kontext
- Tagesspiegel Background: Zwischen Realität und EU-Recht: Die Kraftwerksstrategie markiert das Ende alter Energiedogmen Analyse zur politischen Rolle von Katherina Reiche und dem Vergleich zu vorangegangenen Strategien.
- Cleanthinking: Kraftwerksstrategie: Fossile Autobahn bis 2045 statt Wasserstoff-Brücke Kritische Analyse zur langfristigen Festschreibung der Gas-Infrastruktur und der Gefahr einer „LNG-Republik“.
- Photon.info: DUH veröffentlicht »Non-Paper«: BMWE plant offenbar kurzfristige Ausschreibungen über 41 GW Zusammenfassung der Reaktionen aus der Energiebranche auf die Veröffentlichung des Non-Papers.