„Extrem besorgt“: Wirtschaftsapell von 2.600 Unternehmen gegen Energiepolitik
In der deutschen Wirtschaft brodelt es. Was man sonst eher von Umweltverbänden kennt, erreicht nun eine neue Dimension: Fast 2.600 Unternehmen – vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum Solar-Riesen wie SMA oder 1KOMMA5° – haben sich im sogenannten „Wirtschaftsappell“ zusammengeschlossen. Ihr gemeinsames Ziel: Ein dringender Weckruf an die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Ein Weckruf, ausgelöst durch eine fatale, falsche und vor allem Lobby-getriebene Energiepolitik.
Die Botschaft im Wirtschaftsapell ist klar: Die aktuelle Kurskorrektur – eine Rolle Rückwärts – in der Energiepolitik gefährdet nicht nur das Klima, sondern massiv den Wirtschaftsstandort Deutschland. Doch was genau wird kritisiert, und was verlangt die Wirtschaft?
Der Zankapfel: Das „Netzpaket“ und die „Ausbaubremse“
Im Zentrum der Kritik steht das geplante „Netzpaket“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Die Unternehmen werfen der Regierung vor, den bisherigen Erfolgsweg der Erneuerbaren Energien (EE) verlassen zu haben, ja ihn bewusst blockieren zu wollen. Besonders diese drei Punkte sorgen dabei für Unmut:
- Streichung der Entschädigungen: Bisher erhielten Betreiber von Wind- und Solaranlagen Entschädigungen, wenn ihre Anlagen wegen Netzüberlastung abgeschaltet werden mussten („Redispatch“). Das neue Paket sieht vor, diese Zahlungen drastisch zu kürzen oder ganz zu streichen. Für Investoren ist das ein absoluter Vertrauensbruch: Sie bleiben auf den Kosten sitzen, während die Politik den Netzausbau nicht schnell genug vorantreibt.
- Verschlechterung für Solaranlagen: Auch private Eigenheimbesitzer und kleine Gewerbebetriebe sind betroffen. Geplante Änderungen am Gebäudemodernisierungsgesetz drohen die Förderung für neue Photovoltaikanlagen finanziell unattraktiv zu machen. Betreiber sollen dazu auch mit Netzkosten zusätzlich belastet werden. Kritiker sprechen von einer „Strafsteuer auf die Sonne“.
- Fokus auf fossile Backups: Während der Ausbau der Erneuerbaren laut Appell „ausgebremst“ wird, setzt die Regierung Merz verstärkt auf den Bau neuer Gaskraftwerke als Brückentechnologie. Und das ohne eine Festschreibung auf eine vor vorne herein eingeplante Wasserstoff-Tauglichkeit. Die Unternehmen befürchten hier einen teuren „Fossil-Lock-in“, der Deutschland weiterhin von teuren Energieimporten abhängig macht.
Die Kritik: Unsicherheit ist Gift für Investitionen
Der Wirtschaftsappell macht deutlich, dass es nicht allein um ökologische Ideale geht, sondern um knallharte ökonomische Fakten. Die Firmen kritisieren ein „permanentes politisches Hin und Her“.
Geleakte Vorschläge und plötzliche Strategiewechsel sorgen für Rechtsunsicherheit. Unternehmen, die bereits Millionen in grüne Technologien investiert haben, fühlen sich vor den Kopf gestoßen. „Geplante Regeln, die die Rahmenbedingungen selbst für bereits getätigte Investitionen massiv verändern, sind Gift für den Standort“, heißt es im Text des Appells.
Wirtschaftsapell: Was die Wirtschaft jetzt in Sachen Energiepolitik fordert
Die Unterzeichner des Wirtschaftsapells – darunter nicht nur große Firmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energiebranche, sondern auch kleine Firmen wie Architekturbüros, Hotels, Arztpraxen und mittelständische Industriebetriebe – fordern eine Kehrtwende zurück zu einer verlässlichen Modernisierungsstrategie. Die Kernforderungen lauten:
- Planungssicherheit statt Ad-hoc-Entscheidungen: Langfristige Ziele müssen verlässlich bleiben, damit private Investitionen in Milliardenhöhe nicht abwandern.
- Digitalisierung des Stromnetzes beschleunigen: Statt Anlagen einfach abzuschalten, muss die Infrastruktur durch intelligente Steuerung und Speicher flexibler werden.
- Potentiale nutzen statt wegregeln: Technologien wie Batteriespeicher, Sektorenkopplung und Energy-Sharing (das gemeinsame Nutzen von Solarstrom in der Nachbarschaft) müssen massiv gefördert statt durch Bürokratie behindert werden.
- Energiesouveränität als Standortvorteil: Günstiger Strom aus Wind und Sonne sei der einzige Weg, um langfristig wettbewerbsfähige Preise zu garantieren und sich von autokratischen Exportteuren unabhängig zu machen.
Fazit: Eine Schicksalsfrage für „Made in Germany“
Der Wirtschaftsappell zeigt: Die Energiewende ist längst kein rein „grünes“ Thema mehr. Sie ist zur wirtschaftspolitischen Schicksalsfrage geworden. Dass sich so viele verschiedene Branchen hinter diesen Appell stellen, verdeutlicht die Sorge, dass Deutschland den Anschluss an globale Zukunftsindustrien verliert.
Die Bundesregierung steht nun vor der Aufgabe, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Denn eines macht der Wirtschaftsapell unmissverständlich klar: Die Unternehmen sind bereit zu investieren – aber nur, wenn die Politik den Kurs hält und die Energiewende nicht als Last, sondern als größten Hebel für den künftigen Wohlstand begreift.
*** Weitere Informationen zum Wirtschaftsapell und die vollständige Liste der Unterzeichner finden Sie direkt auf der Aktionsseite des Wirtschaftsappells.




